Tödliches Vertrauen

Endlose Stille bei dunkler Nacht,

die Stute über ihre Herde wacht.

Glasklare Augen schauen ruhig in die Weite,

beruhigende Wärme des Menschen an ihrer Seite.

Zuerst beunruhigen sie die Schritte im Gras,

Anspannung aller Muskeln ,

die sie am Körper besaß.

Warnendes Schnauben für ihre Herde,

furchtsames Wiehern der ihr anvertrauten Pferde.

Als Wächter blieb sie bis zum Schluss stehen

und sah die Mähnen der angstvoll galoppierenden Pferde wehen.

Sie hatte die Gefahr früh genug erkannt

und wäre bei einem Wolf wohl auch weggerannt.

Doch die Silhouette eines Menschen im letzten Licht

fiel bei ihrer Entscheidung ins Gewicht,

gebannt auf ihrem Fleck zu verharren

und neugierig auf den Menschen zu starren.

Freudig wiehernd begrüßt sie den Unbekannten,

sich nicht bewußt, dass die anderen Pferde um ihr Leben rannten.

Stöbert gierig nach einem Apfel in den Taschen,

läßt sich hoffnungslos von ihm überraschen.

Leuchten der Klinge im Mondlicht -

hier spricht die Gewalt, kein Gericht.

Schmerzverzerrte ungläubige Augen,

Instinkte der Natur zu nichts mehr taugen.

Zustechen der Klinge immer wieder,

Zusammenbrechen der alten Glieder.

Den Kopf hebt sie mit letzter Kraft,

aus tiefen Wunden strömt der Lebenssaft.

Instinkte der Natur waren erwacht,

nicht das Raubtier Mensch bedacht.

Letztes Schnauben als Warnung für ihre Herde,

im Mondlicht wild galoppierende Pferde.

Die Sonne geht strahlend auf am nächsten Tag,

keiner diese schreckliche Tat zu verstehen mag.

Stumm steht die Herde bei ihrem Artgenossen,

ein Pferd hat noch nie eine Träne vergossen.

Zitternd leidend in endloser Qual,

das Pferd hatte hier keine andere Wahl.

Vertrauen und bedingungslose Treue,

der Täter Mensch kennt keine Reue.

von Birgit Hartmann, Harsum